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Chakren-Serie · Teil 1 von 5

Ein Rad, viele Systeme.

Woher das Wort cakra stammt – und warum es nie das eine Chakrensystem gab.

Der erste Teil führt zurück zu den Ursprüngen: vom vedischen Rad über den subtilen Körper bis zur tantrischen Meditation.

Michael Köllner · 29. September 2026 · ca. 5 Minuten Lesezeit

Historischer Ursprung

Vom Wortstamm zur heutigen Vorstellung

Wer heute von Chakren spricht, hat meist ein ziemlich eindeutiges Bild vor Augen: sieben Energiezentren, die sich vom Becken entlang der Wirbelsäule bis zum Scheitel erstrecken.

Jedem Chakra wird ein Name, eine bestimmte Farbe, Gefühle, Körperbereiche und Lebensthemen zugeordnet. Das Herzchakra steht zum Beispiel für Liebe, das Kehlchakra für Ausdruck, das Wurzelchakra für Sicherheit und Erdung.1, 2

So selbstverständlich dieses Modell heute erscheint, so wenig selbstverständlich ist es historisch.

Das Wort cakra, meist Chakra geschrieben, stammt aus dem Sanskrit und bedeutet zunächst ganz schlicht Rad, Kreis oder Scheibe. Der Begriff ist sehr alt. Er findet sich bereits in den Veden, den ältesten überlieferten religiösen Texten Indiens. Dort bezeichnet cakra allerdings noch kein unsichtbares Energiezentrum im menschlichen Körper.3

Das Rad erscheint vielmehr in unterschiedlichen Zusammenhängen. Es kann das Rad eines Wagens bezeichnen, einen Kreislauf symbolisieren oder in kosmologischen Vorstellungen für zyklische Bewegungen und Ordnungen stehen.

Auch die Vorstellung des mächtigen Herrschers als cakravartin, als jemand, dessen Rad sich überallhin bewegt, gehört in diesen Bedeutungsraum.3

Vielfalt der Überlieferung

Es gab nicht das eine Chakrensystem.

Tantrische Traditionen entwickelten unterschiedliche Systeme. Je nach Text und Schule finden sich verschiedene Zahlen von Zentren, verschiedene Positionen und unterschiedliche Zuordnungen.4, 5

Chakren wurden offenbar nicht als anatomische Organe verstanden, die jeder Mensch in exakt gleicher Zahl an exakt denselben Stellen besitzt. Wären sie vergleichbar mit Herz, Leber oder Nieren, müsste man erwarten, dass unterschiedliche Autoren dieselben Strukturen beschreiben.4, 5

Chakren erscheinen innerhalb solcher Systeme als besondere Zentren oder Knotenpunkte. Damit sind sie ursprünglich Teil eines viel größeren Modells.4, 5

Chakren waren nicht einfach Punkte am Körper, denen bestimmte Eigenschaften zugeordnet wurden. Sie standen in Verbindung mit Meditation, Visualisation, Atem, Mantras, Gottheiten, Elementen und religiösen Vorstellungen.

Körpermodell

Chakren gehören zu einem Modell.

In den tantrischen Traditionen, in denen Chakren zu wichtigen Bestandteilen spiritueller Praxis wurden, gehörten sie zu einem umfassenderen Modell des Menschen. Neben dem sichtbaren und berührbaren Körper wurde der sogenannte subtile Körper gedacht.4, 5

„Ein Chakra ist ein besonderer Ort innerhalb eines vorgestellten Geflechts von Bahnen, Kräften, Symbolen und meditativen Erfahrungen.“

Dieser subtile Körper beschreibt keine zweite Anatomie im heutigen medizinischen Sinn. Er besteht nicht aus Organen, Blutgefäßen oder Nerven, die man bei einer Operation finden könnte. Er beschreibt vielmehr eine andere Ebene menschlicher Erfahrung.4

Zu diesem Modell gehören Begriffe wie Prāṇa, Nāḍīs, die Chakren und in bestimmten tantrischen und yogischen Traditionen auch Kundalini. Diese Begriffe stehen nicht unabhängig nebeneinander, sondern bilden innerhalb solcher Vorstellungen ein zusammenhängendes System. Erst innerhalb dieses Zusammenhangs wird verständlich, welche Bedeutung Chakren in diesen Traditionen hatten.4, 5

Prāṇa ist nicht einfach „Energie“

Häufig wird Prāṇa schlicht mit „Energie“ übersetzt. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, die indischen Traditionen hätten eine bislang unbekannte physikalische Energieform entdeckt, die durch den Körper strömt.

Prāṇa hängt sprachlich und inhaltlich eng mit Atem und Leben zusammen. In den unterschiedlichen indischen Traditionen kann der Begriff verschiedene Bedeutungen annehmen. Er bezeichnet Lebenskraft, Lebenshauch oder unterschiedliche Funktionen des lebendigen Organismus.3, 4 Er gehört zu einem historischen Modell, mit dem Menschen Lebensvorgänge und innere Erfahrungen beschrieben und ordneten.

Bahnen, Mond und Sonne

Innerhalb dieses Modells bewegt sich Prāṇa durch sogenannte Nāḍīs. Diese sind nicht mit Nerven oder Blutgefäßen gleichzusetzen. Sie gehören zur subtilen Körpervorstellung. Verschiedene Texte nennen unterschiedliche Zahlen und beschreiben unterschiedliche Systeme. Besonders bekannt wurden später drei Bahnen: Idā, Piṅgalā und Suṣumṇā.4, 5

Während Suṣumṇā die zentrale Achse bildet, verlaufen Idā und Piṅgalā als flankierende Bahnen auf der linken und rechten Körperseite. In den historischen Texten wurden sie vor allem mit dem Atemfluss durch die beiden Nasenlöcher und den kosmischen Prinzipien von Mond (Kühle, Idā) und Sonne (Hitze, Piṅgalā) verbunden. Ziel der tantrischen Atem- und Meditationspraxis war es, das Wechselspiel dieser beiden Außenbahnen zu harmonisieren, damit die Lebensenergie in die zentrale Suṣumṇā eintreten kann.5, 6

Die zusammengerollte Schlange

In bestimmten tantrischen und späteren yogischen Systemen wird Kundalini als besondere Kraft beschrieben, die am unteren Ende des subtilen Körpers ruht. Häufig erscheint dafür das Bild einer zusammengerollten Schlange.5, 6

Durch bestimmte Formen von Meditation, Atemlenkung, Konzentration und yogischer Praxis soll diese Kraft erweckt werden und durch die zentrale Bahn aufsteigen. Dabei durchläuft sie die verschiedenen Chakren.5, 6

Das Ziel dieser Praxis war es nicht, möglichst viel „Energie“ in den Körper zu bekommen. Es ging vielmehr um eine tiefgreifende spirituelle Transformation.

Spirituelle Praxis

Chakren wurden in der Meditation gestaltet.

Heute werden Chakren häufig behandelt, als befänden sie sich schon fertig im Körper und müssten nur gefunden, geöffnet oder harmonisiert werden.

In tantrischen Praktiken wurden diese Zentren jedoch auch visualisiert, mit Mantras verbunden und im Rahmen bestimmter Übungen geistig hervorgebracht beziehungsweise erfahren. Der Körper wurde damit zu einer Art innerem Raum spiritueller Praxis.4, 6

Bestimmte Gottheiten konnten im Körper visualisiert werden. Bestimmte Laute wurden bestimmten Bereichen zugeordnet. Der eigene Körper konnte als Abbild einer größeren kosmischen Ordnung verstanden werden.4, 6

Das macht verständlicher, warum unterschiedliche Traditionen zu unterschiedlichen Chakrensystemen kamen. Wenn Chakren Teil einer bestimmten meditativen und symbolischen Praxis waren, mussten Zahl, Lage und Bedeutung der Zentren nicht überall gleich sein.

„Aus einer vielfältigen spirituellen Praxis wurde in der Moderne oft ein übersichtliches Sieben-Chakren-Schema: vereinfacht und von vielen ursprünglichen Zusammenhängen gelöst.“

Literatur · Studien · Primärtexte

Quellen

Die hochgestellten Zahlen im Text führen direkt zur jeweiligen Quelle.

6 Quellen anzeigen
  1. 1. Kurt Leland: Rainbow Body: A History of the Western Chakra System from Blavatsky to Brennan. Ibis Press, Lake Worth, 2016. Umfangreiche historische Rekonstruktion der westlichen Chakrenlehre, insbesondere der Entwicklung des Sieben-Chakren-Schemas, der Regenbogenfarben sowie der späteren Zuordnungen zu Drüsen, Psyche und weiteren Lebensbereichen. WorldCat
  2. 2. Anodea Judith: Eastern Body, Western Mind: Psychology and the Chakra System as a Path to the Self. Überarb. Ausgabe, Celestial Arts / Ten Speed Press, 2004. Repräsentative Primärquelle für die moderne Verbindung des Chakrensystems mit westlicher Psychologie, Entwicklungsmodellen, Sexualität, Selbstbild und weiteren psychologischen Lebensthemen. Penguin Random House
  3. 3. Monier Monier-Williams: A Sanskrit-English Dictionary. Clarendon Press, Oxford, 1899. Digitale Ausgabe: Cologne Digital Sanskrit Dictionaries, Universität zu Köln. Lexikographischer Beleg für die älteren Bedeutungen von cakra als Rad, Kreis oder Scheibe sowie für vedische Belegstellen; prāṇa wird unter anderem mit Atem, Lebenshauch und Leben verbunden. Cologne Digital Sanskrit Dictionaries
  4. 4. Glen A. Hayes: „Esoteric Physiology and Subtle Body Systems“, in: Richard K. Payne / Glen A. Hayes (Hrsg.), The Oxford Handbook of Tantric Studies. Oxford University Press, 2023, S. 197–224. Wissenschaftliche Übersicht zu den zahlreichen hinduistischen und buddhistischen Systemen des subtilen Körpers, zu Chakren, Visualisation und Kundalini sowie zu ihrer Einbettung in konkrete religiöse und rituelle Systeme. Oxford Academic
  5. 5. Geoffrey Samuel: „Subtle bodies, longevity and internal alchemy“, in: The Origins of Yoga and Tantra: Indic Religions to the Thirteenth Century. Cambridge University Press, 2008, S. 271–290. Historische Untersuchung zur Entstehung subtiler Körpermodelle mit Nāḍīs, Chakren und zentralem Kanal sowie zu ihrer Funktion innerhalb tantrischer und yogischer Praktiken. Cambridge University Press
  6. 6. Arthur Avalon (Sir John Woodroffe): The Serpent Power: Being the Ṣaṭ-cakra-nirūpaṇa and Pādukā-pañcaka. Luzac & Co., London, 1919. Frühe englische Übersetzung und Kommentierung des Ṣaṭ-cakra-nirūpaṇa von Pūrṇānanda. Primärquelle für das dort beschriebene System aus sechs Zentren, Sahasrara, Kundalini, Lotusblättern, Lauten, Mantras, Elementen und Gottheiten. WorldCat

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