Chakren-Serie · Teil 5 von 5
Weniger behaupten, mehr wahrnehmen.
Was aus Geschichte und Anatomie der Chakren für meine Arbeit als Körperarbeiter folgt.
Der letzte Teil zieht die Konsequenzen für die Praxis: Warum ich keine Chakren erkläre und die Deutungshoheit beim Gast bleibt.
Michael Köllner · 29. September 2026 · ca. 2 Minuten Lesezeit
Meine praktische Haltung
Konsequenzen für die praktische Arbeit
Chakren lassen sich weder als unveränderte jahrtausendealte Lehre noch als nachgewiesene Energiezentren verstehen. Als historisch gewachsene Landkarte können sie jedoch helfen, Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Bereiche des Körpers zu richten.1, 2, 3
Man kann mit dieser Landkarte arbeiten, ohne sie für den Körper selbst zu halten.
Daraus folgt für mich vor allem eines: Als Körperarbeiter muss ich einem Gast nicht erklären, was Chakren sind und welches Chakra bei ihm „blockiert“ ist. Ebenso wenig, welche oder wie viel Energie gerade durch seinen Körper fließt. Ich kann wahrnehmen, was geschieht, aufmerksam begleiten und danach fragen, wie der Empfangende selbst sein Erleben empfindet und versteht.
Damit verändert sich meine Rolle: Ich bin nicht derjenige, der die verborgene Wahrheit über den Körper eines anderen Menschen kennt. Das schützt mich davor, zu diagnostizieren, was ich als Tantra-Massagepraktiker nicht darf.4 Und es bewahrt mich davor, mich in eine gehobene, vermeintlich besser wissende Position zu erheben und damit ein Machtgefälle zu erzeugen.
Das sage ich nicht
„Hier befindet sich ein Energiezentrum, das ich öffne.“
Sondern
„Dieser Körperbereich kann sehr unterschiedlich und mitunter intensiv erlebt werden.“
„Ich nehme wahr, dass du bei der Berührung hier sehr angespannt bist.“
Ich muss nichts mystisch-esoterisch erklären und dem Erlebten keinen Namen und keine Bedeutung geben, die der andere selbst vielleicht gar nicht darin sieht. Die Deutungshoheit bleibt beim Gast. Die überlieferten Vorstellungen kann ich kennen und ernst nehmen – aber ich gebe sie nicht unkritisch weiter.
So bleibe ich auch in dem, was Tantra-Massagen als Richtung vorgeben: beobachten und geschehen lassen.
Weniger behaupten, mehr wahrnehmen.
Weniger deuten, mehr fragen.
Und dem Menschen, der vor mir liegt, seine Freiheit lassen.
Literatur · Studien · Primärtexte
Quellen
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4 Quellen anzeigen
- 1. Glen A. Hayes: „Esoteric Physiology and Subtle Body Systems“, in: Richard K. Payne / Glen A. Hayes (Hrsg.), The Oxford Handbook of Tantric Studies. Oxford University Press, 2023, S. 197–224. Wissenschaftliche Übersicht zu den zahlreichen hinduistischen und buddhistischen Systemen des subtilen Körpers, zu Chakren, Visualisation und Kundalini sowie zu ihrer Einbettung in konkrete religiöse und rituelle Systeme. Oxford Academic
- 2. Junbo Sim: „The Study on The Formation Process of The Western Chakra System: Focusing on C. W. Leadbeater’s The Chakras“, 원불교사상과 종교문화, Nr. 91, 2022, S. 395–425. Wissenschaftlicher Fachaufsatz zur Herausbildung des westlichen Chakrensystems unter dem Einfluss der Theosophie und zu Leadbeaters Bedeutung für dessen Verbreitung. Korea Citation Index
- 3. Kurt Leland: Rainbow Body: A History of the Western Chakra System from Blavatsky to Brennan. Ibis Press, Lake Worth, 2016. Umfangreiche historische Rekonstruktion der westlichen Chakrenlehre, insbesondere der Entwicklung des Sieben-Chakren-Schemas, der Regenbogenfarben sowie der späteren Zuordnungen zu Drüsen, Psyche und weiteren Lebensbereichen. WorldCat
- 4. Gesetz über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung (Heilpraktikergesetz), § 1. Gesetzliche Grundlage zur Abgrenzung der berufsmäßigen Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden als Ausübung der Heilkunde. Gesetze im Internet / Bundesministerium der Justiz
Die Chakren-Serie
Die ganze Serie
Das Chakrenkonzept in fünf Teilen – von der Herkunft des Wortes bis zur Haltung in der Körperarbeit. Zur Übersicht
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