Chakren-Serie · Teil 4 von 5
Blockaden lösen – geht das wirklich?
Was bei Berührung geschieht, wenn sich etwas festgefahren anfühlt – oder sich plötzlich löst.
Der vierte Teil unterscheidet zwischen dem, was sich beobachten lässt, und dem, wie es gedeutet wird – mit Blick auf das Nervensystem.
Michael Köllner · 29. September 2026 · ca. 4 Minuten Lesezeit
Körper und Nervensystem
Blockaden lösen – geht das wirklich?
Menschen erleben bei Berührung tatsächlich Spannung und Entspannung, Enge und Weite, Wärme, Zittern oder plötzlich aufkommende Gefühle. In der modernen Chakrenlehre können solche Reaktionen als Zeichen einer „Blockade“ oder als „Öffnung“ eines Chakras interpretiert werden. Doch was geschieht dabei tatsächlich? Und was bedeutet das für den Umgang eines Masseurs mit solchen Erfahrungen?
Was sich beobachten lässt
- Spannung und Entspannung
- Enge und Weite
- Wärme, Zittern, ein tiefer Atemzug
- plötzlich aufkommende Gefühle, auch Tränen
Wie es gedeutet wird
- eine „Blockade“ im Chakra
- Energie kann nicht frei fließen
- ein Chakra „öffnet“ sich
- ein Trauma „löst sich aus dem Körper“
Eine Erfahrung – und ihre Interpretation
Kaum ein Begriff gehört so selbstverständlich zur heutigen Chakrenlehre wie die Vorstellung einer Blockade: Die Energie in einem Chakra könne nicht mehr frei fließen. Wird diese gelöst, könne die Energie wieder strömen.1, 2
Doch damit wird eine körperliche oder emotionale Erfahrung interpretiert. Dass ein Mensch während einer Berührung Spannung, Enge oder starke Gefühle erlebt, lässt sich beobachten oder von ihm selbst beschreiben. Ob dahinter tatsächlich ein blockierter Energiefluss oder ein sich öffnendes Chakra steht, lässt sich dagegen nicht nachweisen.3, 2 Das mindert nicht die Erfahrung selbst. Interessant wird nun die Frage, was im Körper tatsächlich geschehen kann, wenn wir Spannung, Widerstand oder plötzliches Loslassen erleben.
Das Nervensystem lernt
Eine mögliche Erklärung liegt in der Art, wie unser Körper auf Stress, Anspannung und als bedeutsam erlebte Situationen reagiert. Dabei verändern sich nicht nur unsere Gedanken und Gefühle. Auch Atmung, Herzschlag, Muskelspannung und die Aktivität des autonomen Nervensystems passen sich an die jeweilige Situation an.4
Solche Reaktionen können sich wiederholen. Der Körper reagiert auf bestimmte Situationen dann mit einem Muster, das ihm bereits vertraut ist. Erfahrungen werden dabei nicht wie eine Erinnerung in einem Muskel oder einer Faszie abgelegt. Vielmehr verarbeitet und lernt das Nervensystem aus Erfahrungen und kann in ähnlichen Situationen erneut entsprechende körperliche Reaktionen hervorrufen.4, 5
Die häufig verwendete Vorstellung, Traumata oder Gefühle seien unmittelbar im Gewebe gespeichert, ist deshalb missverständlich. Das Gewebe kann zwar angespannt sein und der Körper auf Erfahrungen reagieren. Die Erinnerung selbst sitzt jedoch nicht in der Faszie, sondern im Nervensystem.5
Was in der Chakrensprache als „Blockade“ bezeichnet wird, könnte deshalb zumindest teilweise eine Beschreibung solcher tatsächlich erlebter Zustände sein: Ein Bereich fühlt sich fest, eng, unzugänglich oder kaum wahrnehmbar an.
Wenn sich etwas verändert
Ebenso interessant wie die Frage nach einer „Blockade“ ist die Erfahrung, dass sich während einer Massage tatsächlich etwas verändern kann. Eine zuvor angespannte Körperregion wird weicher, die Atmung tiefer, Wärme breitet sich aus oder ein Mensch beginnt plötzlich zu zittern oder zu weinen. In der Sprache der Chakrenlehre wird dies als „Lösen einer Blockade“ oder „Öffnen eines Chakras“ beschrieben.
Auch diese Vorgänge benötigen jedoch nicht zwingend eine energetische Erklärung. Berührung verändert die Aufmerksamkeit: Ein Bereich des Körpers, der vorher kaum wahrgenommen wurde, rückt plötzlich ins Bewusstsein. Bei einer neuen, als angenehm und sicher erlebten Berührung verarbeitet das Nervensystem nicht nur den körperlichen Reiz, sondern die gesamte Situation. Fühlt sich der Mensch sicher, kann sich die autonome Regulation in Richtung eines ruhigeren Zustands verändern. Muskelspannung kann nachlassen, die Atmung ruhiger oder tiefer werden, und auch Herzschlag und allgemeine körperliche Aktivierung können sich verändern.4, 6
Dabei können auch Gefühle entstehen oder stärker wahrgenommen werden. Eine Berührung kann Geborgenheit hervorrufen, aber ebenso Unsicherheit, Traurigkeit, Zittern, Scham, Sehnsucht oder Erinnerungen wachrufen. Manchmal geschieht dies sehr deutlich, manchmal bleibt der Zusammenhang für den Menschen selbst zunächst unklar. Dabei können durchaus Gefühle, Erinnerungen oder Reaktionsmuster auftauchen, die mit früheren belastenden oder traumatischen Erfahrungen verbunden sind. Aus der Reaktion allein lässt sich jedoch nicht ablesen, was genau ihre Ursache ist oder ob gerade ein „Trauma aus dem Körper gelöst“ wird.7, 6, 5
Ein Körper mit einer Geschichte
Ein Körper reagiert nicht unabhängig von dem Leben, das ein Mensch bisher geführt und erfahren hat. Einzelne Vorgänge wie veränderte Muskelspannung, Atmung, autonome Regulation oder emotionale Reaktionen können wir durchaus beschreiben. Was wir aber häufig nicht wissen, ist, warum gerade bei diesem Menschen, an dieser Stelle und in diesem Moment diese besondere Reaktion entsteht und welche Bedeutung sie hat.7, 4, 5
Vielleicht haben Begriffe wie „Blockade“ und „Lösen“ deshalb eine solche Überzeugungskraft, weil sie schwer beschreibbaren körperlichen Erfahrungen einen Namen geben. Sie können sprachlich nützlich sein – solange wir nicht vergessen, dass der Name noch keine naturwissenschaftliche Erklärung ist.
Literatur · Studien · Primärtexte
Quellen
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7 Quellen anzeigen
- 1. Kurt Leland: Rainbow Body: A History of the Western Chakra System from Blavatsky to Brennan. Ibis Press, Lake Worth, 2016. Umfangreiche historische Rekonstruktion der westlichen Chakrenlehre, insbesondere der Entwicklung des Sieben-Chakren-Schemas, der Regenbogenfarben sowie der späteren Zuordnungen zu Drüsen, Psyche und weiteren Lebensbereichen. WorldCat
- 2. Anodea Judith: Eastern Body, Western Mind: Psychology and the Chakra System as a Path to the Self. Überarb. Ausgabe, Celestial Arts / Ten Speed Press, 2004. Repräsentative Primärquelle für die moderne Verbindung des Chakrensystems mit westlicher Psychologie, Entwicklungsmodellen, Sexualität, Selbstbild und weiteren psychologischen Lebensthemen. Penguin Random House
- 3. Glen A. Hayes: „Esoteric Physiology and Subtle Body Systems“, in: Richard K. Payne / Glen A. Hayes (Hrsg.), The Oxford Handbook of Tantric Studies. Oxford University Press, 2023, S. 197–224. Wissenschaftliche Übersicht zu den zahlreichen hinduistischen und buddhistischen Systemen des subtilen Körpers, zu Chakren, Visualisation und Kundalini sowie zu ihrer Einbettung in konkrete religiöse und rituelle Systeme. Oxford Academic
- 4. Sylvia D. Kreibig: „Autonomic nervous system activity in emotion: a review“, Biological Psychology, 84/3, 2010, S. 394–421. Umfangreiche Übersichtsarbeit zu Veränderungen des autonomen Nervensystems bei Emotionen und zu individuellen Mustern von Herz-Kreislauf-, Atem- und weiteren körperlichen Reaktionen. PubMed
- 5. Sheena A. Josselyn / Susumu Tonegawa: „Memory engrams: Recalling the past and imagining the future“, Science, 367/6473, 2020, eaaw4325. Neurowissenschaftliche Übersichtsarbeit zum Engramm als neuronalem Substrat von Gedächtnisbildung und -abruf; Grundlage für die Abgrenzung gegenüber der Vorstellung, Erinnerungen seien als solche im Muskel- oder Fasziengewebe gespeichert. PubMed / Science
- 6. Aikaterini Fotopoulou / Mariana von Mohr / Charlotte Krahé: „Affective regulation through touch: homeostatic and allostatic mechanisms“, Current Opinion in Behavioral Sciences, 43, 2022, S. 80–87. Neurowissenschaftliche Übersichtsarbeit dazu, wie angenehme und soziale Berührung Aufmerksamkeit, Affekt und körperliche Regulation beeinflussen kann, unter anderem über autonome und interozeptive Prozesse. PubMed
- 7. Hugo D. Critchley / Sarah N. Garfinkel: „Interoception and emotion“, Current Opinion in Psychology, 17, 2017, S. 7–14. Wissenschaftliche Übersicht zur Wahrnehmung innerer Körpersignale und zu deren Bedeutung für emotionale Zustände, darunter kardiale, respiratorische und andere körperliche Signale. PubMed
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